Es gibt nicht viele Dinge, an die ich mich aus meiner
Kindheit erinnere, doch ein Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben. Es kommt
mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich den Mann mit dem Bart
kennengelernt habe.
Ich bin auf dem Land aufgewachsen, jede freie Minute habe ich
mit meinen Freunden in der Natur verbracht. Neben Erkundungstouren und
Schnitzeljagden vertrieben wir uns auch gerne die Zeit mit Fußball spielen, auf
dem eigens für uns angelegten kleinen Platz. Es war nicht ungewöhnlich, dass
uns ab und an ältere Menschen beobachteten; sie erfreuten sich an unserem Spaß
und unserer Vitalität. Der Sommer war schon fast vorbei, wir wollten die letzte
Wärme dieses Tages draußen genießen. Auch heute saß ein älterer Herr auf einer
Bank neben dem Feld und sah uns beim Spielen zu. Hin und wieder lächelte er uns
an und winkte, wenn jemand ein Tor schoss. Irgendetwas an seiner Erscheinung
zog meine Aufmerksamkeit auf sich, ich verfehlte den Ball und schoss ihn
versehentlich in seine Richtung, weit in den Wald hinein. Ohne mit der Wimper
zu zucken stand er auf und lief los, den Ball zu holen. Dankbar nutzten wir
diese Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und setzten uns auf die
freigewordene Bank.
Als er mit dem Ball in der Hand wiederkam bat er uns, noch
ein paar Minuten bei ihm sitzen zu bleiben. „Wisst ihr, Kinder, in meinem Alter
findet man nicht mehr so schnell Freunde. Wie geht es euch denn?“ Erst jetzt
hatte ich Chance, ihn genauer zu betrachten: er war schätzungsweise Mitte 70,
hatte weißes Haar bis zu den Schultern und den beeindruckendsten Bart, den ich
je gesehen hatte; er reichte ihm bis zum Bauch! An seinen blauen Augen
zeichneten sich Lachfältchen ab, allgemein strahlten seine Augen eine innere
Zufriedenheit und etwas mystisches aus. „Na uns geht es gut, wir haben immerhin
Ferien!“, sagte das einzige Mädchen in unserer Gruppe. Sie war ein Jahr jünger
als ich und hatte immer ihren kleinen Bruder im Schlepptau, seit ihr Vater
letztes Jahr die Familie verlassen hatte. Ihre langen braunen Haare hatte sie
immer zu einem Zopf gebunden und konnte besser Fußball spielen als die meisten
Jungen im Dorf. Sie tat mir ein wenig Leid, sie hatte ein starkes Verhältnis zu
ihrem Vater und musste sich jetzt um ihren Bruder kümmern, während die Mutter
den ganzen Tag in einem schlecht bezahlten Job um den Lebensunterhalt kämpfte.
„Das freut mich, junge Dame! Weißt du denn schon, was du einmal werden willst?“
fragte der alte Mann. Was für eine komische Frage, wo wir doch alle noch in der
Grundschule waren. Sie sah ihn ebenso verwirrt an, wie ich mich fühlte. Wieso
konnte er uns denn nicht einfach in Ruhe weiterspielen lassen? „Ich möchte
etwas für die Menschen tun!“ antwortete sie. Er sah sie schmunzelnd an, „das
ist doch eine gute Idee! Wie stellst du dir das vor? Möchtest du Ärztin werden?
Oder Lehrerin?“ Nun brach sie in ein Lachen aus. „Nein“, brachte sie prustend
hervor, „ich möchte Geschichten schreiben. Die Menschen in eine schönere Welt
entführen als die, in der sie leben!“ Diese Antwort überraschte sogar mich,
unsere Gespräche drehten sich bisher nur um die Spiele, die wir spielten.
Keiner redete über seine persönlichen Dinge, wo doch jeder sein Schicksal zu
tragen hatte. Aber es traute sich auch keiner, nachzufragen. Die Sache von
ihrem Vater hatte meine Mutter mir erzählt, außerdem senkte sich ihr Blick
immer, wenn sie von ihm zu reden begann und sie unterbrach meistens den Satz
oder wechselte das Thema. Der Mann spielte an seinem Bart herum. „Sehr
lobenswert!“ mit einem Zwinkern wandte er sich zu meinem anderen Freund, „und
was möchtest du machen?“ Mein Freund musterte ihn nur, gab aber keine Antwort.
„Du bist wohl nicht so gesprächig?“ stellte der Alte fest. Das war nichts Neues
für uns, er meldete sich selten zu Wort; wir wussten nicht, woran es lag. Der
alte Mann schien zu merken, dass er mit diesem Gesprächsthema auf wenig
Resonanz zu hoffen brauchte, daher drückte er mir den Ball in die Hand,
wünschte uns viel Spaß beim weiteren Spielen und meinte, wenn wir nochmal eine
Pause bräuchten, könnten wir uns gerne zu ihm setzen.
Irgendetwas an der Begegnung verunsicherte mich. Nicht, dass
ich den Mann unsympathisch gefunden hätte, im Gegenteil. Er hatte etwas sehr
vertrautes an sich dennoch ich hatte den Eindruck, als könnte er unsere
Gedanken lesen. Ich wusste auch nicht, worauf er mit den Gesprächen hinaus
wollte. Vielleicht war er ja einfach nur einsam und sehnte sich nach
Unterhaltung.
Während wir weiterspielten überlegte ich, was ich mit meinem
Leben anstellen wollte. Die Idee, den Menschen zu helfen hörte sich gar nicht
so verkehrt an, wenn ich mir die Welt von meinen kindlichen Augen aus
betrachtete, hatte sie es dringend nötig. Die Erwachsenen waren alle so ernst,
lachten nie und sahen immer gestresst aus. Da ich aber meine Zeit lieber mit
Zeichnen als mit Schreiben verbrachte, würde die Wahl wohl auf etwas in diese
Richtung fallen. Doch wie soll Kunst helfen, die Welt zu verbessern?
Bei der nächsten Pause zögerten wir, uns zu dem alten Mann zu
setzen, doch unsere Neugierde siegte. Der Bruder des Mädchens meldete sich zu
Wort: „Du, was hast du denn so erlebt? Du siehst aus wie ein Zauberer!“ Sie
wies ihren Bruder zurecht, dass man so nicht mit Erwachsenen reden dürfe. „Ach,
das macht doch nichts! In der Tat hat er sogar recht, ich bin eine Art Magier.“
Uns allen stand der Mund offen. War dieser Mann nicht nur alt sondern auch noch
verrückt? Ich spürte, wie sich in meinem Körper die Alarmbereitschaft bemerkbar
machte. Was, wenn er uns etwas tut? Außer uns war hier niemand, keiner würde
erfahren, was mit uns passiert wäre. Doch ein Blick in sein Gesicht beruhigte
mich; er lächelte mich an und gab mir zu verstehen, dass ich mich nicht sorgen
müsste. Plötzlich ergriff mein sonst so stummer Freund das Wort: „Was soll das
heißen, du bist ein Magier? Kannst du etwa Tauben aus einem Hut zaubern?“ Nun
war es der Mann, der in Lachen ausbrach. Wir starrten ihn an, gebannt auf seine
Erklärung wartend. Doch er enttäuschte uns. „Wisst ihr Kinder, Magie hat nicht
unbedingt etwas mit übernatürlichen Dingen zu tun. Magie kann auch heißen,
einen Moment zu einem besonderen Ereignis zu machen oder jemanden wieder auf
den rechten Weg zu bringen. Manchmal sind es einfach die besonderen Worte, die
die Dinge außergewöhnlich erscheinen lassen. Könnt ihr erraten, was meine
Geheimwaffe ist?“ Bei dem Wort „Waffe“ zuckten wir alle unwillkürlich zusammen,
obwohl wir wussten, dass es sich wahrscheinlich um keine echte Waffe handeln
würde.
Unsere Neugier amüsiert beobachtend fing der Alte an zu
erzählen: „Als ich jünger war, war mein einziges Ziel, einen guten Job zu
haben, in dem ich jede Menge Geld verdiene. Das setzte ich auch gut in die Tat
um, bis ich eines Tages bemerkte, dass ich sehr einsam war, kaum Freunde hatte
und so gut wie keine Zeit für mich selbst hatte. Kurzerhand beschloss ich,
meinen Job aufzugeben und durch die Welt zu reisen. Ich musste wieder zu mir
selbst finden. In dieser Zeit fing ich an, meinen Bart wachsen zu lassen, als
Zeichen der stetigen Veränderung. Auf Reisen lernte ich viele interessante
Menschen kennen, sie lehrten mich und ich lehrte sie. Je länger ich unterwegs
war, desto mehr veränderte ich mich, setzte die Prioritäten in meinem Leben
neu. Kommt ihr soweit mit?“ Gefesselt von seiner Geschichte waren wir kaum in
der Lage zu antworten, also nickten wir nur. Die Welt bereisen, das war etwas,
von dem wir in unserem kleinen Dorf kaum zu träumen wagten. Keiner von uns
hatte bisher die Grenzen unseres Landes überschritten.
„Nachdem ich wieder zuhause war, drohte mich der Alltag schnell
einzuholen, doch dann lernte ich meine Frau kennen. Wir hatten viele glückliche
Jahre, bis sie vorigen Sommer verstorben ist. Seitdem ist mein Leben wieder
ziemlich eintönig geworden, die Leute im Dorf meiden das Gespräch mit mir. Sie
wissen, dass sie durch eine Unterhaltung mit mir mehr über sich erfahren
würden, als ihnen lieb ist. Aber um auf das Thema Magie zurückzukommen;
irgendwann stellte ich fest, dass mein Bart hervorragenden Platz bot, um kleine
Gegenstände darin zu verstecken. Also ließ ich ihn immer weiter wachsen, sodass
ich mehr darin unterbringen konnte: zufällige Gegenstände von denen mir meine
Intuition sagte, dass sie für jemanden einen besonderen Wert bereithielten.
Immer wenn ich ein spezielles Gespräch führe, krame ich in meinem Bart und gebe
meinem Gesprächspartner den Gegenstand, den er oder sie in diesem Moment am
meisten braucht. Die meisten Leute sind sehr überrascht von dieser Fähigkeit,
einige sogar verängstigt, doch letztendlich freuen sie sich doch. Manchmal
nehmen wir unsere dringlichsten Wünsche gar nicht wahr, weil wir viel zu sehr
mit der Welt um uns herum beschäftigt sind, anstatt dass wir uns mit uns selbst
auseinandersetzen würden. Mit meinen Geschenken bringe ich die Menschen wieder
auf diesen Weg.“ Ich versuchte, diese Worte auf mich wirken zu lassen, auch
wenn ich im Nachhinein weiß, dass ich sie damals wohl nicht wirklich verstanden
habe. Aber ich habe sie mir mit den Jahren immer wieder ins Gedächtnis gerufen,
um zu mir zurück zu finden. Als ich darüber nachdachte, was wohl mein
sehnlichster Wunsch war, kamen mir zunächst Spielzeugautos, Bücher oder
Actionfiguren in den Sinn, doch schnell wurde mir klar, dass die materiellen
Dinge nichts dagegen waren, glücklich zu sein. Ich war froh um meine intakte
Familie, das Dach über dem Kopf und den vollen Kühlschrank. Wie als könne er
meine Gedanken lesen nickte der alte Mann mir zu. „Sehr gut, Junge! Du hast
verstanden, was wichtig ist im Leben. Du hast dir auf jeden Fall ein Geschenk
verdient. Wie sieht es bei euch aus?“ Er sah meine Freunde der Reihe nach an.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch wusste, was sie dachten. Dass er den
schmerzlichen Verlust der Geschwister erahnen konnte und vielleicht auch
schätzen konnte, was mit unserem dritten Freund los war. Ich weiß nicht, wie er
das machte, aber seine Ausstrahlung hatte etwas sehr entspanntes an sich, das
uns unsere Sorgen für einen Moment vergessen ließ. „Vielen Dank für den
Nachmittag, liebe Kinder. Es war schön, euch beim Spielen zuzusehen.“ Mit
diesen Worten begann der Alte, in seinem Bart zu wühlen. Zuerst war meine
Freundin an der Reihe; er überreichte ihr einen schönverzierten
Füllfederhalter. Wie konnte er darauf vorbereitet sein, wo sie doch vorhin erst
erwähnte, dass sie Geschichten schreiben möchte? Ihrem Bruder reichte er eine
Actionfigur. Das überraschte mich, hatte er mich doch vorhin noch dafür gelobt,
dass meine Wünsche nicht materieller Natur seien. Der kleine Junge schaute ihn
erstaunt an. „Ich weiß, dass du dich oft alleine fühlst und weder deiner Schwester
noch deiner Mutter alles anvertrauen kannst. Jetzt hast du einen Freund, der
dir immer zuhören wird und immer Zeit für dich hat.“ erklärte der Alte. An
unseren wortkargen Freund gewandt vergrub er erneut seine Hände in seinem
üppigen Bart und zog ein Notizbuch hervor. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich es
bereits aufgegeben, mich zu fragen, wie er das fertigbrachte. Mein Freund
bedankte sich, ohne die Intention zu hinterfragen. Es schien offensichtlich,
dass er die Worte, die er an niemanden richtete, für sich selbst aufschreiben
sollte. Der Mann sah mich an. „Nun zu dir.“ Nach kurzem Suchen überreichte er
mir einen Pinsel. Etwas verdutzt nahm ich ihn entgegen. Woher konnte er wissen,
dass ich vorhin noch über meine Neigung zur Kunst nachdachte? Ich bedankte mich
höflich. Er richtete ein letztes Mal das Wort an uns: „Huch! Es ist ja schon
fast dunkel. Nun macht aber, dass ihr nach Hause kommt!“ Er verabschiedete und
verschwand auf einem Weg in den Wald hinein. Tatsächlich dämmerte es schon, wir
hatten vollkommen die Zeit vergessen. Immer noch unfähig, über diesen
Nachmittag zu sprechen, machten auch wir uns auf den Weg nach Hause.
Später als ich den Pinsel ausprobierte, kam es mir vor, als
würden die Farben kräftiger leuchten, als gewöhnlich. Benutzte ihn jemand
anders, sahen sie aus wie sonst. Meine Freundin machte ähnliche Erfahrungen mit
dem Füller: wenn sie ihn benutzte flossen die schönsten Worte nur so aus ihm
hinaus; ihr Bruder schwört noch heute darauf, dass ihm die Actionfigur von Zeit
zu Zeit antwortete. Seit unser dritter Freund anfing, seine unausgesprochenen
Gedanken aufzuschreiben, begann endlich, sich uns zu öffnen und erzählte uns,
dass er ständig allein zuhause war und seine Eltern ihm, wenn sie denn mal da
waren, nie zuhörten. Daher hatte er beschlossen, seine Gedanken mit niemandem
mehr zu teilen.
Unsere Freundschaft besteht heute noch, auch wenn jeder seine
eigene Familie hat und ziemlich beschäftigt damit ist, das Leben zu genießen.
Der Pinsel steht seit Jahren auf meinem Schreibtisch und erinnert mich immer an
die Begegnung mit dem alten, bärtigen Mann, der uns so viel über das Leben
gelehrt hatte.
Unfortunately, the story is too long to translate it properly, try using the translation button below.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen