Montag, 3. August 2015

The Bartin-Tale

Es gibt nicht viele Dinge, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere, doch ein Erlebnis ist mir im Gedächtnis geblieben. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich den Mann mit dem Bart kennengelernt habe.
Ich bin auf dem Land aufgewachsen, jede freie Minute habe ich mit meinen Freunden in der Natur verbracht. Neben Erkundungstouren und Schnitzeljagden vertrieben wir uns auch gerne die Zeit mit Fußball spielen, auf dem eigens für uns angelegten kleinen Platz. Es war nicht ungewöhnlich, dass uns ab und an ältere Menschen beobachteten; sie erfreuten sich an unserem Spaß und unserer Vitalität. Der Sommer war schon fast vorbei, wir wollten die letzte Wärme dieses Tages draußen genießen. Auch heute saß ein älterer Herr auf einer Bank neben dem Feld und sah uns beim Spielen zu. Hin und wieder lächelte er uns an und winkte, wenn jemand ein Tor schoss. Irgendetwas an seiner Erscheinung zog meine Aufmerksamkeit auf sich, ich verfehlte den Ball und schoss ihn versehentlich in seine Richtung, weit in den Wald hinein. Ohne mit der Wimper zu zucken stand er auf und lief los, den Ball zu holen. Dankbar nutzten wir diese Gelegenheit zu einer Verschnaufpause und setzten uns auf die freigewordene Bank.
Als er mit dem Ball in der Hand wiederkam bat er uns, noch ein paar Minuten bei ihm sitzen zu bleiben. „Wisst ihr, Kinder, in meinem Alter findet man nicht mehr so schnell Freunde. Wie geht es euch denn?“ Erst jetzt hatte ich Chance, ihn genauer zu betrachten: er war schätzungsweise Mitte 70, hatte weißes Haar bis zu den Schultern und den beeindruckendsten Bart, den ich je gesehen hatte; er reichte ihm bis zum Bauch! An seinen blauen Augen zeichneten sich Lachfältchen ab, allgemein strahlten seine Augen eine innere Zufriedenheit und etwas mystisches aus. „Na uns geht es gut, wir haben immerhin Ferien!“, sagte das einzige Mädchen in unserer Gruppe. Sie war ein Jahr jünger als ich und hatte immer ihren kleinen Bruder im Schlepptau, seit ihr Vater letztes Jahr die Familie verlassen hatte. Ihre langen braunen Haare hatte sie immer zu einem Zopf gebunden und konnte besser Fußball spielen als die meisten Jungen im Dorf. Sie tat mir ein wenig Leid, sie hatte ein starkes Verhältnis zu ihrem Vater und musste sich jetzt um ihren Bruder kümmern, während die Mutter den ganzen Tag in einem schlecht bezahlten Job um den Lebensunterhalt kämpfte. „Das freut mich, junge Dame! Weißt du denn schon, was du einmal werden willst?“ fragte der alte Mann. Was für eine komische Frage, wo wir doch alle noch in der Grundschule waren. Sie sah ihn ebenso verwirrt an, wie ich mich fühlte. Wieso konnte er uns denn nicht einfach in Ruhe weiterspielen lassen? „Ich möchte etwas für die Menschen tun!“ antwortete sie. Er sah sie schmunzelnd an, „das ist doch eine gute Idee! Wie stellst du dir das vor? Möchtest du Ärztin werden? Oder Lehrerin?“ Nun brach sie in ein Lachen aus. „Nein“, brachte sie prustend hervor, „ich möchte Geschichten schreiben. Die Menschen in eine schönere Welt entführen als die, in der sie leben!“ Diese Antwort überraschte sogar mich, unsere Gespräche drehten sich bisher nur um die Spiele, die wir spielten. Keiner redete über seine persönlichen Dinge, wo doch jeder sein Schicksal zu tragen hatte. Aber es traute sich auch keiner, nachzufragen. Die Sache von ihrem Vater hatte meine Mutter mir erzählt, außerdem senkte sich ihr Blick immer, wenn sie von ihm zu reden begann und sie unterbrach meistens den Satz oder wechselte das Thema. Der Mann spielte an seinem Bart herum. „Sehr lobenswert!“ mit einem Zwinkern wandte er sich zu meinem anderen Freund, „und was möchtest du machen?“ Mein Freund musterte ihn nur, gab aber keine Antwort. „Du bist wohl nicht so gesprächig?“ stellte der Alte fest. Das war nichts Neues für uns, er meldete sich selten zu Wort; wir wussten nicht, woran es lag. Der alte Mann schien zu merken, dass er mit diesem Gesprächsthema auf wenig Resonanz zu hoffen brauchte, daher drückte er mir den Ball in die Hand, wünschte uns viel Spaß beim weiteren Spielen und meinte, wenn wir nochmal eine Pause bräuchten, könnten wir uns gerne zu ihm setzen.
Irgendetwas an der Begegnung verunsicherte mich. Nicht, dass ich den Mann unsympathisch gefunden hätte, im Gegenteil. Er hatte etwas sehr vertrautes an sich dennoch ich hatte den Eindruck, als könnte er unsere Gedanken lesen. Ich wusste auch nicht, worauf er mit den Gesprächen hinaus wollte. Vielleicht war er ja einfach nur einsam und sehnte sich nach Unterhaltung.
Während wir weiterspielten überlegte ich, was ich mit meinem Leben anstellen wollte. Die Idee, den Menschen zu helfen hörte sich gar nicht so verkehrt an, wenn ich mir die Welt von meinen kindlichen Augen aus betrachtete, hatte sie es dringend nötig. Die Erwachsenen waren alle so ernst, lachten nie und sahen immer gestresst aus. Da ich aber meine Zeit lieber mit Zeichnen als mit Schreiben verbrachte, würde die Wahl wohl auf etwas in diese Richtung fallen. Doch wie soll Kunst helfen, die Welt zu verbessern?
Bei der nächsten Pause zögerten wir, uns zu dem alten Mann zu setzen, doch unsere Neugierde siegte. Der Bruder des Mädchens meldete sich zu Wort: „Du, was hast du denn so erlebt? Du siehst aus wie ein Zauberer!“ Sie wies ihren Bruder zurecht, dass man so nicht mit Erwachsenen reden dürfe. „Ach, das macht doch nichts! In der Tat hat er sogar recht, ich bin eine Art Magier.“ Uns allen stand der Mund offen. War dieser Mann nicht nur alt sondern auch noch verrückt? Ich spürte, wie sich in meinem Körper die Alarmbereitschaft bemerkbar machte. Was, wenn er uns etwas tut? Außer uns war hier niemand, keiner würde erfahren, was mit uns passiert wäre. Doch ein Blick in sein Gesicht beruhigte mich; er lächelte mich an und gab mir zu verstehen, dass ich mich nicht sorgen müsste. Plötzlich ergriff mein sonst so stummer Freund das Wort: „Was soll das heißen, du bist ein Magier? Kannst du etwa Tauben aus einem Hut zaubern?“ Nun war es der Mann, der in Lachen ausbrach. Wir starrten ihn an, gebannt auf seine Erklärung wartend. Doch er enttäuschte uns. „Wisst ihr Kinder, Magie hat nicht unbedingt etwas mit übernatürlichen Dingen zu tun. Magie kann auch heißen, einen Moment zu einem besonderen Ereignis zu machen oder jemanden wieder auf den rechten Weg zu bringen. Manchmal sind es einfach die besonderen Worte, die die Dinge außergewöhnlich erscheinen lassen. Könnt ihr erraten, was meine Geheimwaffe ist?“ Bei dem Wort „Waffe“ zuckten wir alle unwillkürlich zusammen, obwohl wir wussten, dass es sich wahrscheinlich um keine echte Waffe handeln würde.
Unsere Neugier amüsiert beobachtend fing der Alte an zu erzählen: „Als ich jünger war, war mein einziges Ziel, einen guten Job zu haben, in dem ich jede Menge Geld verdiene. Das setzte ich auch gut in die Tat um, bis ich eines Tages bemerkte, dass ich sehr einsam war, kaum Freunde hatte und so gut wie keine Zeit für mich selbst hatte. Kurzerhand beschloss ich, meinen Job aufzugeben und durch die Welt zu reisen. Ich musste wieder zu mir selbst finden. In dieser Zeit fing ich an, meinen Bart wachsen zu lassen, als Zeichen der stetigen Veränderung. Auf Reisen lernte ich viele interessante Menschen kennen, sie lehrten mich und ich lehrte sie. Je länger ich unterwegs war, desto mehr veränderte ich mich, setzte die Prioritäten in meinem Leben neu. Kommt ihr soweit mit?“ Gefesselt von seiner Geschichte waren wir kaum in der Lage zu antworten, also nickten wir nur. Die Welt bereisen, das war etwas, von dem wir in unserem kleinen Dorf kaum zu träumen wagten. Keiner von uns hatte bisher die Grenzen unseres Landes überschritten.
„Nachdem ich wieder zuhause war, drohte mich der Alltag schnell einzuholen, doch dann lernte ich meine Frau kennen. Wir hatten viele glückliche Jahre, bis sie vorigen Sommer verstorben ist. Seitdem ist mein Leben wieder ziemlich eintönig geworden, die Leute im Dorf meiden das Gespräch mit mir. Sie wissen, dass sie durch eine Unterhaltung mit mir mehr über sich erfahren würden, als ihnen lieb ist. Aber um auf das Thema Magie zurückzukommen; irgendwann stellte ich fest, dass mein Bart hervorragenden Platz bot, um kleine Gegenstände darin zu verstecken. Also ließ ich ihn immer weiter wachsen, sodass ich mehr darin unterbringen konnte: zufällige Gegenstände von denen mir meine Intuition sagte, dass sie für jemanden einen besonderen Wert bereithielten. Immer wenn ich ein spezielles Gespräch führe, krame ich in meinem Bart und gebe meinem Gesprächspartner den Gegenstand, den er oder sie in diesem Moment am meisten braucht. Die meisten Leute sind sehr überrascht von dieser Fähigkeit, einige sogar verängstigt, doch letztendlich freuen sie sich doch. Manchmal nehmen wir unsere dringlichsten Wünsche gar nicht wahr, weil wir viel zu sehr mit der Welt um uns herum beschäftigt sind, anstatt dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen würden. Mit meinen Geschenken bringe ich die Menschen wieder auf diesen Weg.“ Ich versuchte, diese Worte auf mich wirken zu lassen, auch wenn ich im Nachhinein weiß, dass ich sie damals wohl nicht wirklich verstanden habe. Aber ich habe sie mir mit den Jahren immer wieder ins Gedächtnis gerufen, um zu mir zurück zu finden. Als ich darüber nachdachte, was wohl mein sehnlichster Wunsch war, kamen mir zunächst Spielzeugautos, Bücher oder Actionfiguren in den Sinn, doch schnell wurde mir klar, dass die materiellen Dinge nichts dagegen waren, glücklich zu sein. Ich war froh um meine intakte Familie, das Dach über dem Kopf und den vollen Kühlschrank. Wie als könne er meine Gedanken lesen nickte der alte Mann mir zu. „Sehr gut, Junge! Du hast verstanden, was wichtig ist im Leben. Du hast dir auf jeden Fall ein Geschenk verdient. Wie sieht es bei euch aus?“ Er sah meine Freunde der Reihe nach an. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch wusste, was sie dachten. Dass er den schmerzlichen Verlust der Geschwister erahnen konnte und vielleicht auch schätzen konnte, was mit unserem dritten Freund los war. Ich weiß nicht, wie er das machte, aber seine Ausstrahlung hatte etwas sehr entspanntes an sich, das uns unsere Sorgen für einen Moment vergessen ließ. „Vielen Dank für den Nachmittag, liebe Kinder. Es war schön, euch beim Spielen zuzusehen.“ Mit diesen Worten begann der Alte, in seinem Bart zu wühlen. Zuerst war meine Freundin an der Reihe; er überreichte ihr einen schönverzierten Füllfederhalter. Wie konnte er darauf vorbereitet sein, wo sie doch vorhin erst erwähnte, dass sie Geschichten schreiben möchte? Ihrem Bruder reichte er eine Actionfigur. Das überraschte mich, hatte er mich doch vorhin noch dafür gelobt, dass meine Wünsche nicht materieller Natur seien. Der kleine Junge schaute ihn erstaunt an. „Ich weiß, dass du dich oft alleine fühlst und weder deiner Schwester noch deiner Mutter alles anvertrauen kannst. Jetzt hast du einen Freund, der dir immer zuhören wird und immer Zeit für dich hat.“ erklärte der Alte. An unseren wortkargen Freund gewandt vergrub er erneut seine Hände in seinem üppigen Bart und zog ein Notizbuch hervor. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich es bereits aufgegeben, mich zu fragen, wie er das fertigbrachte. Mein Freund bedankte sich, ohne die Intention zu hinterfragen. Es schien offensichtlich, dass er die Worte, die er an niemanden richtete, für sich selbst aufschreiben sollte. Der Mann sah mich an. „Nun zu dir.“ Nach kurzem Suchen überreichte er mir einen Pinsel. Etwas verdutzt nahm ich ihn entgegen. Woher konnte er wissen, dass ich vorhin noch über meine Neigung zur Kunst nachdachte? Ich bedankte mich höflich. Er richtete ein letztes Mal das Wort an uns: „Huch! Es ist ja schon fast dunkel. Nun macht aber, dass ihr nach Hause kommt!“ Er verabschiedete und verschwand auf einem Weg in den Wald hinein. Tatsächlich dämmerte es schon, wir hatten vollkommen die Zeit vergessen. Immer noch unfähig, über diesen Nachmittag zu sprechen, machten auch wir uns auf den Weg nach Hause.
Später als ich den Pinsel ausprobierte, kam es mir vor, als würden die Farben kräftiger leuchten, als gewöhnlich. Benutzte ihn jemand anders, sahen sie aus wie sonst. Meine Freundin machte ähnliche Erfahrungen mit dem Füller: wenn sie ihn benutzte flossen die schönsten Worte nur so aus ihm hinaus; ihr Bruder schwört noch heute darauf, dass ihm die Actionfigur von Zeit zu Zeit antwortete. Seit unser dritter Freund anfing, seine unausgesprochenen Gedanken aufzuschreiben, begann endlich, sich uns zu öffnen und erzählte uns, dass er ständig allein zuhause war und seine Eltern ihm, wenn sie denn mal da waren, nie zuhörten. Daher hatte er beschlossen, seine Gedanken mit niemandem mehr zu teilen.

Unsere Freundschaft besteht heute noch, auch wenn jeder seine eigene Familie hat und ziemlich beschäftigt damit ist, das Leben zu genießen. Der Pinsel steht seit Jahren auf meinem Schreibtisch und erinnert mich immer an die Begegnung mit dem alten, bärtigen Mann, der uns so viel über das Leben gelehrt hatte.

Unfortunately, the story is too long to translate it properly, try using the translation button below.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen